Schreibweise

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Der folgende Artikel von Matthias Gründer beschreibt anhand einiger Beispiele auf gute Art und Weise die Transkription von der russischen in die deutsche Sprache. Mein eigener sechsjähriger Sprachunterricht der russischen Sprache liegt nun auch schon einige Zeit zurück. Vieles was Matthias Gründer erklärt, wird mir im Gedächtnis wieder wachgerufen. Was mir dazu noch ergänzend einfällt ist die Aussage, dass die russische, im Gegensatz zur deutschen Sprache, eine sehr "weiche" Sprache ist. Das sieht man schon am Alphabet. Versucht man also die Worte in die deutsche Sprache zu übertragen, geht man oft vom phonetischen Gleichklang aus. Was im nachfolgenden Text nicht angesprochen wird, ist die Schreibweise "Suchoi". Da es aber bei der Aussprache von "Suchoi" und "Suchoj" kaum einen hörbaren Unterschied gibt, trifft man die Schreibweise "Suchoi" ebenfalls oft im deutschsprachigen Raum an. Somit trifft wieder die Schlussbemerkung von Matthias Gründer zu...


Ein kleiner Exkurs zu den Tücken der russischen Sprache
von Matthias Gründer

Immer wieder fällt mir beim Lesen Ihrer Beiträge auf, dass Sie für Begriffe aus der russischen Luft- und Raumfahrt andere Schreibweisen verwenden als allgemein üblich, so Suchoj statt Sukhoi. Wie kommt das? Je mehr Leser wir in den alten Bundesländern haben, desto öfter tauchen solche Fragen in unserer Post auf, und jedes Mal muss ich ellenlange Antwortbriefe verfassen, um das Problem halbwegs deutlich zu machen. Warum also sollte ich das ganze nicht einmal so aufschreiben, dass es für den einen oder anderen vielleicht ganz interessant oder auch amüsant ist? Dabei bin ich mir durchaus bewusst, dass ich den Text eigentlich auf Kassette sprechen müsste, um mich richtig verständlich zu machen, denn bekanntlich macht der Ton die Musik.

Auf jeden Fall stechen diese Fragen regelrecht in ein Wespennest, denn wir geben uns aufgrund unserer russischen Sprachkenntnisse zwar alle Mühe, das gesprochene Wort halbwegs richtig schriftlich wiederzugeben, müssen allerdings eingestehen, dass wir dabei selbst nicht immer konsequent sind. Wenn wir zum Beispiel den Namen Tupolew nehmen - so, wie wir ihn immer schreiben - dann ist es eigentlich falsch, denn es müsste richtig Tupoljew heißen, weil der entsprechende russische Vokal wie "je" gesprochen wird. Das Gleiche gilt für den Triebwerkskonstrukteur Kusnezow, der richtig Kusnjetzow heißt. Aber es hat sich nun mal so eingebürgert, und um die Verwirrung nicht noch größer zu machen, bleiben wir eben dabei. Nebenbei sei noch die öfters anzutreffende Schreibweise Kusnetzow erwähnt, die erst recht falsch ist, weil es im Russischen gar kein "tz" gibt.

Buchstabiert man indessen den Namen Suchoj nach dem russischen Alphabet, so klänge das etwa wie "se-u-cha-o-igratkoje", wobei das "cha" wie im Wort "machen" gesprochen wird. Da sich Engländer und Amerikaner bei dieser Sprechweise wahrscheinlich die Zunge verbiegen würden, hat man dort die Umschreibung "kh" gewählt, die dann auch zumindest in Westdeutschland weit verbreitet ist, weil ja hier bekanntlich Russisch kein Pflichtfach in der Schule war. Das Ganze führt immer wieder zu Irritationen, wenn wir nur beim "cha" bleiben, denn dieser kyrillische Buchstabe sieht ähnlich wie das lateinische "X" aus, so dass dann beispielsweise die russische Luftkampfrakete Cha-31 im Westen als X-31 bezeichnet wird, womit die meisten die Ansicht verbinden, es handele sich um eine Waffe im Experimentierstadium - schließlich werden entsprechende Geräte im Englischen derart bezeichnet. Oder nehmen wir Mikojan: Das spricht sich genauso, wie es geschrieben wird, für einen Deutschen wohlgemerkt. Ein Engländer würde das sicherlich so ähnlich wie "Mikodschejn" aussprechen, was so aufgeschrieben schon ziemlich albern aussieht, gesprochen aber wohl noch komischer wäre.

Die bisherigen Beispiele zeigen bereits recht deutlich das ganze Dilemma, aber sie sind noch lange nicht der Gipfel. Wie jede Sprache hat auch die russische neben vielen Regeln noch mehr Ausnahmen, vor denen die meisten hilflos kapitulieren. Nehmen wir nur den berühmten Raketenkonstrukteur Koroljow: Russisch buchstabiert klingt das etwa wie "ke-o-re-o-el-jo-we", aber geschrieben wird die Namensendung mit einem "je" wie bei Tupol(j)ew. Warum also Koroljow und nicht Koroljew? Das kann keiner beantworten, es ist nun mal so, und in russischen Lehrbüchern erhält dieses "je" wenigstens als kleine Hilfestellung für den genervten Schüler zwei kleine Pünktchen wie unsere Umlaute ä, ö und ü. So weiß man immerhin, dass es sich um ein "jo" handelt, aber in der normalen Literatur wird man diese Pünktchen vergeblich suchen. Da gibt es keine Logik, da hilft nur eines: Büffeln! Im englischen Sprachgebrauch schließlich liest sich der Name wie Korolev, und so sprechen es auch die meisten.

Gehen wir aber weiter und nehmen als Beispiel die russische Bordkanone GScha-23, wie sie aus der MiG-23 bekannt ist. Ausgesprochen wird das Kürzel wie die japanische Geisha, also Gejscha, aber geschrieben wird es oft als GSh. Bei diesem "sh" kommt sofort die Assoziation mit Breshnew unseligen Angedenkens (richtig wäre eigentlich Breshnjew), und da spricht man das "sh" bekanntlich wie das zweite g im Wort Garage. Der kyrillische Buchstabe in der Bordkanone jedoch wird "scha" gesprochen, wie in "Schule", aber das gilt wiederum nur für uns Deutsche - die Angelsachsen hätten spätestens jetzt einen Knoten in der Zunge, und der würde schier unlösbar beim Namen Mjasischtschew (Achtung, Ausnahme: nicht Mjasischtjew!), den man in der deutschen Transkription, also der einfachen Sprachwiedergabe, oft auch mit einem Doppel-S findet, das darauf hinweisen soll, dass es sich um ein kurzes, stimmloses S handelt. Tatsächlich hat das kyrillische Alphabet einen derartigen komplizierten Buchstaben, der als "schtscha" gesprochen wird, und über den ein Engländer verständnislos den Kopf schüttelt. Also schreibt er einfach "Myasichev" und ist fein raus. Wir aber, die es besonders gut machen wollen, brechen uns die Zunge und machen uns beim Korrekturlesen selber fertig. Noch schlimmer sind die Sprachwissenschaftler, denen die Transkription zu einfach ist, und die statt dessen die sogenannte Transliteration benutzen. Ich verkneife mir hier entsprechende Beispiele, weil ich nicht will, das unser Layouter am Computer Schreikrämpfe bei der super komplizierten schriftlichen Wiedergabe bekommt - die Transkription ist schon schwierig genug. Wenn also wieder einmal ein Leser fragt, ob denn nun "Suchoj" richtig ist oder aber "Sukhoi", dann kann ich nur sagen: Sowohl als auch, denn manchmal sind wir uns selbst nicht einig.

Quelle: Matthias Gründer, FLIEGER REVUE 6/94

Gelesen 4516 mal Letzte Änderung am Dienstag, 04 Juni 2013 17:07
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